Auch freie Werkstätten dürfen ans Elektroauto
Ein Elektroauto trägt ein Hochvoltsystem: die Antriebsbatterie und die orangefarbenen Leitungen, die den Strom zum Motor führen. Sie arbeiten dabei mit mehreren hundert Volt, weit mehr als das übliche 12-Volt-Bordnetz eines Autos. Wer daran arbeitet, braucht eine Hochvolt-Qualifikation, also einen Nachweis, dass die zuständige Person für den Umgang mit diesen Systemen geschult ist. Ohne diesen Nachweis darf niemand das Gehäuse der Batterie öffnen oder die orangefarbenen Leitungen berühren.
Für die Erlaubnis selbst spielt die Markenbindung keine Rolle. Sowohl markengebundene Werkstätten als auch freie Betriebe dürfen an Hochvoltfahrzeugen arbeiten, sobald ihre Beschäftigten die passende Qualifikationsstufe mitbringen. Das bestätigt der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), der sein Gütesiegel ausdrücklich für Kfz- und Karosseriebaubetriebe jeder Art öffnet. Verwechseln Sie das nicht mit der Meisterpflicht in der freien Werkstatt: Die regelt, wer einen Betrieb führen darf. Die Hochvolt-Qualifikation dagegen schult einzelne Beschäftigte für eine bestimmte Tätigkeit. Beide Systeme gelten unabhängig voneinander.
Der Grund für die Qualifikationspflicht liegt beim Arbeitsschutz, nicht beim Handwerksrecht. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung will verhindern, dass Beschäftigte beim Kontakt mit dem Hochvoltsystem verletzt werden. Deshalb prüft niemand die Marke des Fahrzeugs, sondern nur die Qualifikation der Person, die daran arbeitet.
4 Stufen regeln die Arbeit am Hochvoltsystem
Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung unterscheidet in ihrer DGUV Information 209-093 vier Qualifikationsstufen für Arbeiten an Hochvoltsystemen in Fahrzeugen. Sie reichen von einer kurzen Einweisung bis zur Berechtigung, an eingeschalteten Bauteilen zu arbeiten. Ein Kfz-Mechatroniker, der seine Ausbildung ab 2013 abgeschlossen hat, bringt laut der Kfz-Innung Hamburg die zweithöchste Stufe bereits automatisch aus der Ausbildung mit.
| Stufe | Wer das ist | Was die Stufe erlaubt |
|---|---|---|
| S, sensibilisierte Person | Kurz eingewiesene Mitarbeiter | Das Fahrzeug bedienen und einfache Dinge wie Scheibenwischerblätter tauschen |
| 1S, fachkundig unterwiesene Person | Mechaniker mit kurzer Zusatzschulung | Karosseriearbeiten, Ölwechsel, Radwechsel und Arbeiten an der normalen Bremsanlage, solange das Hochvoltsystem unberührt bleibt |
| 2S, fachkundige Person für spannungsfreie Systeme | Kfz-Mechatroniker, oft automatisch aus der Ausbildung ab 2013 | Das Hochvoltsystem spannungsfrei schalten und daran arbeiten, etwa Elektromotor oder Klimakompressor tauschen |
| 3S, fachkundige Person für Arbeiten unter Spannung | Speziell weitergebildete Fachkräfte | Auch an eingeschalteten Hochvoltsystemen arbeiten, etwa einzelne Batteriemodule austauschen |
Reifenwechsel und Bremsen brauchen keine Hochvolt-Qualifikation
- Sie können Reifen und Bremsbeläge wechseln lassen, weil die Bremsanlage bei den meisten Elektroautos genauso aufgebaut ist wie bei einem Verbrenner.
- Karosserie- und Lackarbeiten sind ohne Weiteres möglich, solange die Werkstatt keine Leitungen im Bereich der Antriebsbatterie öffnet.
- Ein Ölwechsel bei einem Hybridfahrzeug braucht keine Qualifikationsstufe, weil der Verbrennungsmotor unabhängig vom Hochvoltsystem läuft.
- Kleinere Arbeiten am 12-Volt-Bordnetz sind ebenfalls unproblematisch, etwa an der Beleuchtung, weil dieses Bordnetz vom Hochvoltsystem getrennt ist.
Anders sieht es aus, sobald die Werkstatt das Hochvoltsystem selbst öffnet, etwa den Ladeanschluss, die orangefarbenen Kabel oder die Antriebsbatterie. Dafür braucht sie mindestens die Qualifikationsstufe 2S, bei Arbeiten unter Spannung sogar Stufe 3S. Auch eine Fehlerdiagnose an der Batterie zählt dazu, weil die Werkstatt dafür Stecker und Messpunkte am Hochvoltsystem öffnet.
Für Sie als Fahrer bedeutet das: Für Reifenwechsel oder die Kontrolle der Bremsen müssen Sie keine spezialisierte Werkstatt suchen. Jede normale Kfz-Werkstatt mit der Qualifikationsstufe 1S kann diese Arbeiten übernehmen. Solche Betriebe sind deutlich häufiger als reine Hochvolt-Spezialisten, das drückt in der Regel auch den Preis.
Erkennungszeichen einer qualifizierten Elektroauto-Werkstatt
Am einfachsten erkennen Sie eine qualifizierte Werkstatt am Zusatzzeichen eCar-Service. Der ZDK vergibt es seit September 2021 neben dem regulären Meisterschild, und zwar nur an Betriebe mit mindestens einer fachkundigen Person für die Arbeit am Hochvoltsystem. Zusätzlich verlangt das Siegel einen Ladepunkt mit mindestens 11 Kilowatt Leistung und eine eigene Abstellfläche für beschädigte Elektrofahrzeuge.
- Achten Sie auf das Zusatzzeichen eCar-Service neben dem Kfz-Meisterschild am Eingang.
- Suchen Sie die Werkstatt im Online-Verzeichnis des ZDK auf ecarservice.de.
- Fragen Sie direkt nach, welche Qualifikationsstufe die zuständigen Mitarbeiter für das Hochvoltsystem haben.
- Prüfen Sie, ob die Werkstatt eine eigene Ladestation und eine gesonderte Abstellfläche für beschädigte Elektrofahrzeuge hat.
Nach Angaben des Fachmagazins Autoservicepraxis trugen im Februar 2024 rund 450 Betriebe bundesweit das Zusatzzeichen. Der ZDK selbst schult schon seit 2009 Kfz-Beschäftigte für die Arbeit an Hochvoltsystemen, mittlerweile mehr als 35.000. Das Zeichen selbst ist also neuer als die Schulung dahinter. Nicht jede qualifizierte Werkstatt trägt es bereits. Allgemeine Kriterien für die Wahl einer guten Werkstatt, unabhängig vom Antrieb, nennt der Ratgeber eine gute Autowerkstatt finden.
Ab 60 Volt wird ein Stromschlag gefährlich
Das Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz Nordrhein-Westfalen zieht die Grenze bei 60 Volt Gleichspannung oder 25 Volt Wechselspannung. Ab dort gilt ein System als Hochvoltsystem. Die Antriebsbatterie eines Elektroautos arbeitet je nach Modell mit mehreren hundert Volt, bei manchen Hybridfahrzeugen mit bis zu 650 Volt Gleichspannung.
Bei solchen Spannungen kann ein direkter Kontakt schon nach Sekundenbruchteilen schwere Verbrennungen verursachen und nach etwa einer Sekunde zum Herzstillstand führen, warnt der Kfz-Fachbetrieb Birner. Bei hoher Spannung kann sich zusätzlich ein Lichtbogen über die Luft bilden, auch ohne direkte Berührung. Deshalb darf ausschließlich Personal mit der passenden Qualifikationsstufe das Hochvoltsystem öffnen oder spannungsfrei schalten.
Häufige Fragen
Darf eine freie Werkstatt ohne Markenbindung an meinem Elektroauto arbeiten?
Ja, eine freie Werkstatt darf an Ihrem Elektroauto arbeiten, genau wie eine Werkstatt mit Markenbindung. Entscheidend ist allein, ob die zuständigen Mitarbeiter die passende Hochvolt-Qualifikation für die jeweilige Arbeit besitzen.
Welche Arbeiten am Elektroauto brauchen keine Hochvolt-Qualifikation?
Reifenwechsel, Karosseriearbeiten, die normale Bremsanlage und Arbeiten am 12-Volt-Bordnetz brauchen normalerweise keine Hochvolt-Qualifikation. Sie zählen zur niedrigsten Qualifikationsstufe 1S, solange die Werkstatt dabei das Hochvoltsystem nicht öffnet.
Wie erkenne ich, ob eine Werkstatt für mein Elektroauto qualifiziert ist?
Am zuverlässigsten am Zusatzzeichen eCar-Service, das der ZDK seit 2021 neben dem Meisterschild vergibt. Alternativ finden Sie qualifizierte Betriebe im Online-Verzeichnis auf ecarservice.de oder fragen direkt nach der Qualifikationsstufe der Mitarbeiter.
Was kann passieren, wenn eine unqualifizierte Werkstatt am Hochvoltsystem arbeitet?
Es drohen Stromschlag und schwere Verbrennungen für die Beschäftigten, weil die Antriebsbatterie mit mehreren hundert Volt arbeitet. Für die Werkstatt selbst drohen zusätzlich Nachforderungen der Berufsgenossenschaft und Strafen der Gewerbeaufsicht, falls dabei jemand verletzt wird.
Ist eine Hochvolt-Qualifikation dasselbe wie ein Meisterbrief?
Nein, beides sind unterschiedliche Systeme. Der Meisterbrief regelt nach dem Handwerksrecht, wer einen Kfz-Betrieb führen darf, während die Hochvolt-Qualifikation einzelne Beschäftigte für die sichere Arbeit an bestimmten Fahrzeugsystemen schult.
Kontrolliert eine Behörde, ob eine Werkstatt die Hochvolt-Qualifikation hat?
Eine eigene staatliche Prüfstelle dafür gibt es nicht. Die Berufsgenossenschaft kontrolliert das im Rahmen des allgemeinen Arbeitsschutzes, und bei einem Unfall ohne Qualifikationsnachweis drohen der Werkstatt Nachforderungen und Strafen der Gewerbeaufsicht. Als Kunde verlassen Sie sich am besten auf das Zusatzzeichen eCar-Service oder eine direkte Nachfrage bei der Werkstatt.
